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Prof. Dr. Gert Kaluza
Prävention – quo vadis?

Statement anlässlich der Podiumsdiskussion auf dem 7. Kongress für Gesundheitspsychologie 2005 in Freiburg

Für die Weiterentwicklung von Prävention und Gesundheitsförderung ist angesichts begrenzter Ressourcen eine Konzentration auf prioritäre Ziele sowie Qualitätssicherung und Wirksamkeitsprüfung der eingesetzten Maßnahmen notwendig. Aus gesundheitspsychologischer Sicht sind dabei die folgenden Aspekte von entscheidender Bedeutung:

1. Wissen und Ratschläge allein reichen nicht.
Jede Bemühung um Prävention muss sich letztlich in langfristig stabilen Verhaltensänderungen umsetzen. Hierzu reichen die Verbreitung von Gesundheitsinformationen und Erteilung von Ratschlägen allein nicht aus. Notwendig ist die konsequente und kompetente Unterstützung motivationaler, intentionaler und volitionaler Prozesse zur Initiierung und Stabilisierung von individuellen Gesundheitsverhaltensweisen. Hier kann die (Gesundheits-)Psychologie inzwischen eine Vielzahl von empirisch evaluierten Interventionsprogrammen für unterschiedliche Zielgruppen und Verhaltensbereiche bereitstellen. Forschungs- und Entwicklungsbedarf besteht insbesondere hinsichtlich solcher Maßnahmen, die eine dauerhafte und langfristige Aufrechterhaltung einmal begonnener Verhaltensänderungen unterstützen.

2. Gesundheit braucht ein Wozu.
Gesundheit ist in aller Regel nicht vorrangiges Lebensziel, sondern bedarf selbst der Sinngebung. Wo gesellschaftlich vermittelte Sinn- und Wertestrukturen und soziale Verbände erodieren, wo individuelle Lebensentwürfe bedroht sind oder gänzlich fehlen, da erodiert auch das Gesundheitsmotiv. Prävention und Gesundheitsförderung müssen an den Lebensthemen und der Lebenswirklichkeit der Zielgruppen anknüpfen, sie müssen stärker als bisher sinngebende Ziele und Werte berückischtigen. Gesundheit im engeren Sinne kann dabei ein zunächst erst einmal nachrangiges Thema darstellen.

3. Je früher, desto besser.
Früherkennung und Frühinterventionen sind konstitutive Elemente einer sinnvollen Präventionspraxis. Angesichts der besorgniserregenden zunehmenden Verbreitung von körperlichen und psychischen Risikofaktoren bei Kindern und Jugendlichen stellen Kinder und Jugendliche sowie Eltern, Pädagogen und weitere Bezugspersonen prioritäre Zielgruppen für Massnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung dar. Auch hierzu hat die (Gesundheits-)Psychologie in jüngster Zeit eine Reihe von Interventionsprogrammen entwickelt und evaluiert, die insbesondere in schulischen Kontexten realisiert werden können.

4. Im Fokus: Psychische Gesundheit.
Der Förderung der psychischen Gesundheit und der Prävention psychischer Gesundheitsprobleme sollte bei zukünftigen Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung ein hoher Stellenwert eingeräumt werden. Dies begründet sich durch die Zunahme psychischer Belastungen und psychischer Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und durch die Erkenntnis, dass körperliche Risikofaktoren und Gesundheitsstörungen sowie gesundheitliches Risikoverhalten oft Indikatoren für psychische Belastungen bzw. nicht ausreichende psychische Ressourcen zur Belastungsbewältigung darstellen.

5. Gesundheitsförderliche Lebensstile brauchen gesundheitsförderliche Lebenswelten.
Der lebensweltbezogene Ansatz ermöglicht einen Zugang zu Zielgruppen für Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung, die ansonsten schwer erreichbar sind, und erhöht durch die Berücksichtigung des lebensweltlichen Kontextes die Wahrscheinlichkeit für nachhaltige Effekte. Lebensweltbezogene Gesundheitsförderung ist aber nicht auf die Durchführung von individuumsbezogenen präventiven und gesundheitsfördernden Maßnahmen in Lebenswelten beschränkt, wie heute noch oft der Fall, sondern meint wesentlich auch eine gesundheitsförderliche Gestaltung dieser Lebenswelten durch den Abbau belastender Strukturen und den Aufbau struktureller Ressourcen.

6. Gut gemeint ≠ gut gemacht ≠ erfolgreich
Für alle verhaltens- wie lebensweltbezogenen Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung gilt, dass ihre Wirksamkeit durch entsprechende wissenschaftliche Studien belegt sein sollte. Da die Forschung in diesem Bereich (insbesondere hinsichtlich lebensweltbezogener Ansätze) noch in den Anfängen steckt, ist es erforderlich, dass ausreichende Mittel für wissenschaftliche Evaluation durch neutrale, unabhängige Einrichtungen bereitgestellt werden, um der berechtigten Forderung nach empirischen Wirksamkeitsnachweisen entsprechen zu können. Ohne eine solche Förderung der Wirksamkeitsforschung besteht die Gefahr, dass auch zukünftig Ressourcen in zwar gut gemeinte Präventionsmaßnahmen fließen, deren Effektivität jedoch mindestens fraglich ist. Evaluation darf sich dabei nicht auf die Untersuchung von Reichweite, Akzeptanz und Kosten eines Präventionsprogramms beschränken. Verbreitung und Beliebtheit sagen nichts über die Effektivität eines Programms im Sinne der angestrebten Verhaltensänderungen und Gesundheitseffekte aus.

 

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